In Reels
Es ist kurz vor zwölf. Es ist Nacht und ich ringe mit dem Gedanken, morgen sehr früh aufzustehen. Ich überlege gegen 6.30 Uhr zur Morgenandacht auf dem Opernplatz zu stehen. Noch bin ich schlaflos und befürchte, meine Gedanken werden eine Weile kreisen, mich ausreichend wachhalten, um doch nicht rechtzeitig aufzustehen. Unterbewusst weiß ich: ich drücke mich. Ich fürchte den morgigen Tag. Mehr noch fürchte ich den Schlaf vor dem morgigen Tag. Ich fürchte die Bilder, die wie eine Sturzflut in meine Gedankenwelt dringen, meine vier Wände mitreißen. Ich sollte alle Schotten schließen. Dicht machen. Die Geräte ausschalten. Mich einschließen, wegschließen. Doch das ist unrealistisch und nicht gesund.
Ich kenne die Bilder, habe sie ausreichend oft gesehen. Fallschirme. Fliehende Menschen, schöne Menschen, teils fast noch Kinder, die eben noch tanzten. Das Festival in der Wüste. Dann werden sie massakriert. Menschen, die sich vergeblich in zu niedrigem Buschwerk verstecken, in einer gelben Toilettenhausreihe, in Kühltruhen, in Containern und unter Fahrzeugen, die im Kugelhagel über Felder rennen, getroffen in den Sand stürzen, reglos, die sich in Reels von ihren Familien, ihren Freunden und ihren kurzen Leben trennen. Ich liebe dich, es tut mir leid, heute sterbe ich. Menschen auf der Flucht in ihren Fahrzeugen eingekesselt, umzingelt, erschossen, verbrannt. Zu enge Schutzräume, in denen zu viele Schutz suchen, durch Handgranaten wieder und wieder zersprengt. Nur die weit hinten Eingepferchten, die sich stundenlang unter leblosen Körpern an die Wand pressen, bewegungslos, ganz still, überleben. Menschen, die eben noch schliefen und sogleich gequält, verstümmelt und lebend verbrannt werden. Menschen aneinandergebunden, Familien auseinandergerissen, Mütter, Kinder, alte Frauen werden gedemütigt und verschleppt. Väter, Brüder, die in ihre Wagen steigen und mutig ihren Schwestern, Töchtern, Söhnen das Leben retten. Letzte Nachrichten. Tonaufnahmen verzweifelter Anrufe. Letzte Anrufe. Geiselnahmen, zerfetzte Kleider, vergewaltigte Frauen, vergewaltigte Mädchen, enthauptete Körper, abgeschnittene Brüste, Schusswunden im Genitalbereich, Metallstangen in der Stirn. Was um alles in der Welt. Es ist ein einziges Chaos, ein riesiges, blutiges Massaker.
Als ich die Aufnahmen zum ersten Mal sehe, gerate ich in eine Art Schockstarre. Die Mörder haben sich selbst dabei gefilmt. Ich sehe mir alle Berichte an, alle Aufnahmen, das Internet liefert eine ungefilterte Fülle an Material. Ich kann nicht wegsehen, bin wie gebannt, will verstehen. Doch mit jedem Beitrag verstehe ich weniger. Tief in meiner Brust nistet sich Trauer ein und Angst und Verzweiflung. Ich kann sie mit jedem Atemzug spüren. Ein schwerer Stein legt sich auf meine Lunge, das Atmen wird schmerzhaft und schwer. In mir wächst ein Tumor der Abneigung. Bald wuchert der. Ich mag nicht mehr unter Menschen, nicht mehr oberflächlich freundlich sein. Der Herbst wird Winter und kalt. Meine Balkontür wage ich im Dunkeln nicht zu öffnen. Ich fühle alles, ich fühle nichts. In meinem Kopf ein unendlicher Film. Ich versuche, etwas aufzuschreiben. Alle Erklärungen sind abhandengekommen. In mir gibt es keine Worte. Schweigen.
Schlimmer noch: Die um mich herum, denen ich mich verbunden dachte, reagieren anders. Da gibt es Menschen auf den Straßen, die feiern. Schon nach kurzer Zeit sind da riesige Umzüge. Weltweit. Nicht aus Solidarität mit den Verschleppten. Sie nennen das Massaker Widerstand. Sie wollen mehr davon, global und bis zum Sieg. Projektionen greifen um sich. Sie schlagen auf Töpfe. Rote Dreiecke. Sie rufen Genozid. Keine Scham. Sie wollen ein ganzes Land vernichten. Ganz wichtig: Niemand ist hier Antisemit.
Die Welt steht Kopf. Dann kommt die Wahl. Die selbsternannte Avantgarde wittert Erfolg, hält Einzug in meine Partei und versucht sich in regressiver Renaissance von links. Alles verläuft nach uraltem, ewig eingeübtem Prinzip. Wer sich weigert, seine Solidarität mit den Massakrierten aufzukündigen, dem wird selektiver Humanismus vorgeworfen. Der Druck wird erhöht, die Geiseln vergessen, die Geschichte verdreht und entstellt. Wir entfernen uns von jeder Form der Komplexität. Es gibt nur noch eine Seite der Moralität.
Es ist der 6. Oktober. Kurz vor zwölf. Ich schaue ein Interview mit Ferdinand von Schirach. Der bewies vor kurzem Anstand, als er zu einer Talkrunde eingeladen war. Die Talkrunde schaue ich aus verschiedenen Gründen nur sehr selten und auch dann nur auszugsweise. Der Anstand fiel mir auf. Im Anschluss ging ich in einen Buchladen und kaufte „Der stille Freund“. Vielleicht kann der mir etwas sagen. Die gebundene Ausgabe.

